ein schmaler grat

als kind noch balancierte ich
im übermut auf jedem bordstein lang
und sprang beim hopsespiel
nur selten auf den kreidestrich.
schlimm wäre es auch anders nie gekommen.
ich hätte lediglich verstört
den hohn der besten freunde wahrgenommen.

ich wurde älter und auch größer mit der zeit.
der bordstein und der kreidestrich,
die blieben jedoch nur so breit,
wie sie schon damals waren.
es ist inzwischen ungezählt,
wie oft ich mit den jahren
vom bordstein abgestürzt und auf den strich gesprungen bin.

es scheint, die füße sind zu groß,
der grat, auf dem ich wandel, ist ihnen viel zu schmal,
sie sind so leicht nicht mehr zu dirigieren.
es ist auch heute nicht mehr so, den spott der freunde bloß
als folge meines fehlens zu registrieren.
den kinderschuhen längst entwachsen,
wäre das zu banal.

besser schon, ich könnte es vermeiden,
dass andere durch meinen unbedachten schritt
oder den ungelenken sprung, in ihrem leben leiden.
es sind auch nicht mehr spott und hohn,
mit denen aufgerissene mäuler mir schallend
und gleichsam auch als lohn
jeden fehltritt begleiten.

genau betrachtet sind es auch keine bordsteinkanten
und keine kreidestriche mehr, die ich unsanft verfehle.
es handelt sich wohl eher, in jedem einzelfall,
um eine wundgetretene seele.
den alten übermut kann ich, wenn ich es will,
schon dazu zwingen, dass er still
von meiner seite weicht.

die einsicht dafür habe ich auf meinem weg
mit jedem schritt ein stückchen mehr erreicht
und jede handlung ist beleg,
wie sorgsam ich nun schreite.














Acryl auf Leinwand 50x70 cm